marc chagall
Und die Lithographie

von Selma Stern

„Einen Lithographiestein anfaßend glaubte ich, einen Talisman zu berühren. Es schien mir, als könnte ich all meine Traurigkeit, all meine Freude (...), mein ganzes Leben hineinlegen“ (Marc Chagall). Die Technik der Lithographie zog nicht nur Marc Chagall sondern auch zahlreiche andere Künstler, unter ihnen Henrie Toulouse-Lautrec und Pablo Picasso, in ihren Bann.

Dieses 1798 von Alois Sennefelder erfundene Flachdruckverfahren ist eine graphische Technik, bei der die Zeichnung mit fetthaltiger Farbe (Tusche, Kreide, Stift) auf eine Platte aus Kalkschiefer gebracht wird, die anschließend präpariert wird, so daß nur die bemalten Flächen Druckerfarbe annehmen, die unbemalten sie jedoch abstoßen. Mit Hilfe der Presse wird dann die Zeichnung auf ein darübergelegtes Papier abgedruckt. Es gibt zwei Möglichkeiten, eine Lithographie zu schaffen, durch direktes Gestalten auf dem Stein oder durch den Umdruck einer Zeichnung.

Marc Chagall schuf neben seinen Gemälden und Glasfenstern eine reichhaltige Fülle an Graphiken. Die Lithographie bot Chagall eine Vielzahl von Möglichkeiten: Je nach verwendetem Werkzeug konnte er zeichnerische oder malerische Effekte erzielen, konnte er seine Lithographien wie zarte Aquarelle, kräftige Ölbilder oder Federzeichnungen wirken lassen. Kein technischer Zwang hinderte die Ausführung der Idee. Nicht zuletzt weil die Farbe für seine Werke so wichtig war, zog Chagall die Lithographie anderen Drucktechniken gegenüber vor. Auf einigen Blättern der Sammlung Sorlier, deren Ränder nicht beschnitten wurden, sind deutlich kleine Kreuze zu sehen, sogenannte Passerkreuze. Sie markieren die Stellen, an denen die Farbplatten paßgenau auf den Druckbogen aufgebracht werden müssen, damit alle Farben in der Komposition die richtige Position einnehmen.
Marc Chagall schuf über 1.000 Lithographien und widmete sich selbst an seinem Todestag in Saint-Paul-de-Vence am 28. März 1985 noch dieser Technik.

Der Künstler ist bereits 35 Jahre alt, als er anfängt, sich in die Kunst der Graphik einzuarbeiten. Marc Chagalls erste Graphiken entstehen in den Jahren 1922-1923. Zu dieser Zeit lebt er mit seiner Frau Bella und seiner Tochter Ida in Berlin. Neben den ersten Radierungen und Holzschnitten entstehen dort die ersten 24 Lithographien. Diese frühen Werke werden von Chagall auf Transparentpapier aufgetragen und dann, da es ihm noch an dem notwendigen Wissen und Können um den technischen Druckvorgang fehlt, an einen professionellen Graphiker und Lithograph weitergegeben. 1923 wieder in Paris nimmt der Kunsthändler und Verleger Ambrois Vollard Kontakt mit Chagall auf, und Marc Chagall erhält Aufträge, Bücher von Gogol und Fontaine sowie die Bibel mit Radierungen zu illustrieren. Nach dem Tod Vollards werden diese von Tériade in den Jahren 1948, 1952 und 1956 herausgegeben. In seinem Exil in New York schafft Marc Chagall dann die aus 13 Farblithographien bestehende Serie „Vier Erzählungen aus Arabischen Nächten“. Die Bilder werden zunächst als Gouachen gemalt und 1948 in dem Studio von Albert Carman gedruckt. Inwieweit Chagall zu diesem Zeitpunkt sich selbst an dem Druckverfahren beteiligt, weiß man heute nicht .

Nachdem der inzwischen weltbekannte Marc Chagall 1948 nach Paris zurückgekehrt ist, wo Aimé Maeght zu seinem Verleger wird, beginnt 1950 die Zusammenarbeit mit dem berühmten Lithographen Fernand Mourlot und dem Drucker Charles Sorlier. Im Alter von 63 Jahren erforscht Chagall dort sämtliche Facetten der Lithographietechnik. Im Atelier Moulots werden von da an die meisten der Originallithographien Marc Chagalls hergestellt, mehr als 1.000 Stück und zwei Drittel davon auf Farbe. Mit fünfzehn bis zwanzig Lithographien pro Jahr, unter denen die großartigen Buchillustrationen sind, ist es ein unvergleichliches Werk in der Geschichte der Graphik. Marc Chagall illustriert „Daphnis et Chloé“, wo er zwanzig bis fünfundzwanzig Farben verwendete, „Sur la terre des Dieux“, „L`Odyssée“ von Homer, „La Tempête“. Sorlier schreibt über diese Zeit: „Von 1950 bis 1952 kam Chagall regelmäßig ins Atelier, das sich damals unweit des Ostbahnhofs in der rue de Chabrol Nr. 18 befand, um das Handwerk zu erlernen. Er lernte wie ein wißbegieriger Stift. Unter meiner Anleitung erprobte er alle nur möglichen Techniken mit ebensoviel Hartnäckigkeit wie Beflissenheit. Niemals wird ein Handwerker stolzer sein als ich, einen derart begabten Lehrling unter den Fittichen gehabt zu haben.“ Nachdem sich Marc Chagall mit Jaques Frélaut trifft, intalliert dieser Chagall eine Druckpresse in Vence, dann am Wohnort in Saint Paul. Chagall verwirklicht „Des eaux-fortes“, er illustriert „De Mauvais Sujets“, „Et sur la terre“, „Celui qui dit des choses sans rien dire“, „Songes“ und „Psaumes du roi David“.

Die Sammlung Sorlier ist eine der weltweit umfassendsten Kollektionen der Lithographien Chagalls. Die Sammlung umfaßt 1.050 Blätter aus den Jahren zwischen 1922 und 1985. Marc Chagall hat jeweils nur kleine Auflagen, meistens 50 bis 75 Exemplare, selten 90 Exemplare, seiner Lithographien erlaubt. Diese frühen Werke Chagalls sind deshalb auf dem Kunstmark recht rar geworden. Später wurden größere Auflagen für Zeitschriften wie „Derrière le Mirroir“ und „XX Siècle“ produziert. Je nach Jahr und Auflage sind auch diese mehr oder weniger leicht auf dem Kunstmarkt zu finden.

Link zum Thema:

Marc Chagall: Vollständiger Katalog des Graphischen Werks


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