Im Wind
von Andreas Bäcker

Ich stehe im Wind und denke an das Leben, das mir genommen wurde, oder das ich nie besaß. Ich denke an den See der Tränen, den ich durchschwamm, die Reise, die ich vor Jahren antrat, in Kindertagen bereits. Ich denke an den steinigen Weg, den ich beschritt, so lange ich mich erinnern kann, ein Bewußtsein zu haben. Ich denke an den Schmerz, den ich mit mir herumtrage, seitdem zu laufen ich vermag.

Der Wind bläst mir kalt und scharf in das versteinerte Gesicht.
Ich friere, wie ich es immer getan habe, versuche, dem Wind die Stirn zu bieten, stehe trotzig da, einem Kinde gleich, das um jeden Preis seinen Willen durchsetzen möchte, die Arme in die Hüften gestemmt, sauge ich die Kälte in mich auf.
Und wieder versuche ich, den Weg zurückzuverfolgen, akribisch chronologisch in umgekehrter Reihenfolge mich von einem Knotenpunkt zum anderen zu hangeln, bis zum Anfang allen Seins, zu dem im Dunkel meiner Seele verborgenen Geheimnis, das einer Festung gleich die Antwort hütet. Je tiefer meine Reise mich in die Vergangenheit führt, je näher ich dem Horizont rücke, an dem im Zenit einer schwarzen Sonne drohend sich die Festung erhebt, desto stärker bläst der Wind, peitscht durch meine Stirn hindurch direkt in meinen Kopf. Die Knotenpunkte fallen, ähnlich überreifem Obst, dessen Gewicht der nährende Baum nicht mehr trägt, durch meine vergeblich zu greifen bemühten Hände hindurch in einen Fluß, wo sie zu einem zähen Strom zerfließen, der in einer Art Burggraben zu münden scheint, wie ein Ring aus Lava um den steinernen Koloß am noch immer weit von mir entfernten Horizont gelegt.

"Nur nicht fallen," denke ich, "nicht schon wieder!"
Kaum, daß der Gedanke kreisend meinen Kopf verlassen hat, beginne ich zu taumeln, glaube, den Verlust des Gleichgewichtes wahrzunehmen. Noch immer treibt es mich nach vorne, meinem felsigen Ziel entgegen. Der Wind, der mit jedem Schritt mehr Sturm, schleudert mir mit der Wucht eines ganzen Lebens meine Träume entgegen, einen nach dem anderen, Träume, die ich eigentlich mit dem Zurücklassen der Kindheit tot geglaubt hatte. Ich spüre, wie sie der Reihe nach laut zischend auf meiner Stirn zerplatzen und wie wehrlose Tränen meine Wangen hinabgleiten, um beim Eintauchen in den Fluß mit meinen Erinnerungen zu verschmelzen.

Einen Moment nur, nicht länger, als ein vernarbtes Herz für einen Schlag benötigt, halte ich fest entschlossen beide Hände vor das Gesicht, um wenigstens eine Träne zu fangen, wenigstens den Kadaver eines Traumes zu retten.
Einen kurzen Augenblick nur lasse ich mein Ziel aus den Augen, ohne den Untergang der Sonne zu bemerken, das Erlöschen des letzten Restes an Licht wahrzunehmen. Und wieder falle ich, wieder tiefer als das Mal zuvor, wieder länger als erwartet, wieder ist der Aufschlag härter, schmerzhafter als alles bisher Gekannte, wieder verliere ich das Bewußtsein und beginne, auf die Ungewißheit des Erwachens zu warten.

Ängstlich öffne ich die Augen und schaue mich vorsichtig, beinahe in Zeitlupe um. Kein Loch. Ich liege im Gras, eine traumhaft schöne Träne in der Hand. Der Wind bläst über mich hinweg.
Mir ist nicht mehr kalt.

Andreas Bäcker
 

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