Was kümmert es uns
von Matthias Korn

Ich grüße die Frau auf der Straße, doch sie erkennt mich nicht.

Abends geht sie über den Rasen und hängt Plastetüten an eine Wäscheleine. Was kümmert es sie, wenn die Nachbarn lachen.

Die Wohnungstür fällt hinter ihr zu, die Einsamkeit brennt in der Kehle und Schluck für Schluck spült sie die Leere hinunter. Sie möchte das Schicksal ertränken bis zum Ertrinken, dem eigenen, wieder und wieder.

Dann läuft sie über Flure, klingelt bei den Nachbarn, die ihre Augen gegen Spione pressen. Keiner öffnet, sie flüstern nur, lachen, was kümmert es sie, wenn die Frau trunken lallt.

Die Leere in ihr schwappt sinnlos gegen geschlossene Türen und sie schreit ihren Frust in steinerne Korridore. Alle werden schuld sein, alle und sie wird sich umbringen, jawohl UMBRINGEN. Doch hinter den Türen bleibt es still, wen kümmert es und irgendwann torkelt sie über den Rasen, nimmt die Plastetüten von der Leine.

Morgens geht sie wieder zur Arbeit, ich grüße die Frau, doch sie erkennt mich nicht.

Ihr bleibt nur noch Warten und sie wartet manchen Abend in den Bars, wartet vergebens, trinkt, bis zum Ertrinken. Die Wohnungstür schließt sich hinter der Frau, sie begrüßt die gehaßte Leere, mit der sie auf "du und du" steht. Nicht einmal sterben kann sie, wen kümmert es schon.
Tränen rinnen aus der Flasche durch ihre Kehle, Tränen, die sie längst nicht mehr weint. Nur der Regen tropft von Plastetüten auf Wäscheleinen.

Irgendwann begene ich der Frau nicht mehr auf der Straße, doch was kümmert es mich?

Matthias Korn


 

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