Braune Augen
von Olaf Kurtz

Das Schlingern der U-Bahnwagen schüttelt die versunkenen Körper, lässt die Lider zucken, und die Blicke wahllos mustern. Ich sitze im ersten Waggon, direkt hinter der Fahrerkabine. Die alkoholschwere Atemluft sinkt träge auf den verklebten Boden, zerstäubt sich zwischen den ein- und aussteigenden Menschen. Mühsam wickle ich den Erinnerungsfaden in mich auf, flechte die Fixpunkte meiner Konzentration, reibe mir über das ausgebleichte Gesicht. Ich höre den zweisilbigen, heulenden Gesang beim Öffnen und Schließen der elektrischen Türen, der ihren Namen ruft: Ni - na.

Sofort kriecht ihr Duft in mein Bewusstsein, versenke ich meine Gedanken auf den Grund ihrer braunen Augen. Das breite Lächeln in ihrem schmalen Gesicht umschließt mich wie eine schützende Hand. Ein metallenes Kreischen spuckt die U-Bahn hinaus in den Schatten der Nacht. Ninas Stimme ist dicht an meinem Ohr, ich suche den Abdruck ihres Spiegelbildes, den verwehten Geschmack unserer Küsse, während die Welt schläft.

Ein Zufall brachte uns zusammen, lernten wir uns zögernd kennen. Wir spazierten im Tiergarten, zunächst einfach so, später dann Hand in Hand. Sie war neugierig auf das Neue, hatte noch nie zuvor eine solch dichtgedrängte Stadt gesehen, oder sich in ihr bewegen und zurechtfinden müssen. Ich erzählte ihr die kleinen und die großen Geschichten, die mir einfielen: Warum die Berliner ihrer Königin Louise aus Freude und Erleichterung ein Denkmal schenkten, von dem Romanischen Café, den Malern, den Architekten im Hansaviertel. Von Paul Zech aus der Schöneberger Naumannstraße in unmittelbarer Nachbarschaft zu der Kohlehandlung, in der Julius Leber Zwangsarbeiter beschäftigte, um sie vor dem sicheren Tod zu bewahren, der ihm selbst dann sicher war. Heute schlägt sein Name die Brücke über den S-Bahngraben. Wir sind am Kleistpark, an Freislers verbaler Hinrichtungsstätte, der Pervertierung des preußischen Gerichtshofes und dem späteren Sitz der mächtigen Vier. Ich erzählte Stunde um Stunde, durchwanderte mit ihr diese einzigartige Stadt. Ich hatte alle Anekdoten und das Wissen aus den Büchern in mich aufgesaugt und dachte, dass es nun helfen könnte und deshalb wichtig sei. Wir sahen uns täglich, so häufig und lange wie nur irgend möglich. Dann traute ich mich allmählich nach ihrer Geschichte, ihren Verwandten, der Familie zu fragen, und sie begann geduldig zu antworten. Es war keine Geschichte, die ich Büchern hätte finden können. Ihre Urgroßmutter war eine nomadierende Zigeunerin aus Rumänien. Nina zeigte mir Fotos, auf denen sich in die vergilbten Farben des wettergegerbten Gesichtes tiefe, ausgewaschene Furchen gruben. Die gezackten, geknickten und stellenweise abgerissenen Ecken lagen wie ein Kranz um den fülligen Körper der alten Frau. Ein schwaches Licht schien seitlich in die dunklen Augen, und sein Widerschein beugte sich mit der Krümmung ihrer Pupillen. Die fleischigen Tränensäcke fielen in ihr gezeichnetes, stumm lächelndes und mutiges Gesicht. Die stolze Haltung, das kräftige Haar, ich konnte die Schönheit, die in Nina wiedergeboren wurde, erahnen. Wir küssten uns an diesem Tag zum ersten Mal.

Viele Bilder, die sie mir zeigen konnte, gab es nicht mehr. Vieles war verloren, gefallen aus den eilig gepackten Koffern, ebenso wie die Vertrautheit ihrer Kinderjahre, verscheucht aus dem, was wir Heimat nennen. Mit Gewehrsalven über die Grenzen gepeitscht, in wirren Argumentationsketten gelegt, gesperrt in enge Waggons eine Fahrt nach Deutschland - sprachlos auf rumänisch, ungarisch und deutsch.

Sie verstummt inmitten dieser Erzählungen, fallen meine fragenden Wörter wie welkes Laub ohne Widerhall. Schweiß tropft wie Wachs von ihren pochenden Schläfen, stöhnt das Sein unter der Hitze des eigenen Wissens, legt sie ihren Körper in meine starken, hilflosen Arme. Die rauhen Lippen bröckeln, der fade Geschmack verklebt die Stimme. Die gebrochenen Augen zerschlagener Biografien durchdringen sie, wie das Licht die schwarz schimmernde Zelluloidrolle eines Films, werfen sich die Schatten der Personen in ihr Gedächtnis. Stranguliert der Sinn, baumelnd am eigenen Leben, die Schreie, die letzten Briefe: "macht Euch keine Sorgen". Ein zu Stein gewordenes Echo der verschluckten, letzten Silben. Der Asylantrag von Ninas Familie wurde abgelehnt. Sie wurden als Wirtschaftsflüchtlinge eingestuft, die Situation in Rumänien als unbedenklich und stabil bezeichnet. Nina war stärker als ich, weinte nur, wenn ich nicht die Fassung verlor. Ich wollte mit ihr gehen, sie verstecken, sie heiraten, für sie sorgen. Nina drückte mich wie ein kleines Kind an sich, trocknete den vergangenheitslosen Salzrand meiner Tränen, die in das Unverständnis unserer Gegenwart und in unsere geteilte Zukunft tropften. Sie brachte mich nach Hause, legte mich in meine Ohnmacht. Wie ein Kranker heftete ich den Blick auf die verknoteten Arabesken des bröckelnden Stuckrandes an der Decke. Die verstaubten Zungen müder Dichter lagen schweigend in den Bücherwänden, hämmerte der Wind faustgeballt, heulend in den Ritzen der frostblinden Fenster. Es war der letzte gemeinsame Tag, kein Abschied wie jeder andere. Ich wache auf, umkreise die verschlossenen Gestalten mir gegenüber. Meine Lider flackern im Schlag der Müdigkeit. Die Augen laufen über die frischen Erdhügel des neubegründeten Platzes. Im grellen, künstlichen Licht des Todesstreifens stemmt sich die Kulisse einer neuen Epoche aus dem Schatten der eigenen Geschichte. Hinter dem Mendelssohn-Bartholdy Platz sticht die Bahn wie eine Injektionsnadel durch die dünne Haut Berlins, verteilt sie das langwirkende Serum der Menschen in ihrem Inneren. Ich höre ein "Zurückbleiben" und warte stumm auf die Stimme Ninas.

Plötzlich eine grölende Menschentraube, aus der sich der Saft blutiger Gedanken presst. Glatzen, wie im Fernsehen, die kantigen Knochen über den wachsamen Augen, die im Dunkeln ihrer undurchdringlichen Höhlen ruhen, Runen - S quer über den Bizeps gezogen, wie ein Doppelblitz das Wort: HASS.

Die bleichen Farben des Entsetzens, der Angst in allen Gesichtern, die dumpfe Eintönigkeit der Furcht in den zitternden Körpern. Die Tür schließt sich mit einem letzten Ruf: Nie - mehr.

Kanacken! Nigger! Pisser!, ich drücke mich in meinen Sitz, höre die krachenden Schädel unter dem parolenbegleiteten Hämmern der Baseball-Schläger, die zerquetschten Gesichter, die ihre Spur in die beschlagenen Scheiben ziehen. Ich warte auf die nächste Station oder das Ende. Zwei Minuten der Ewigkeit im ausgefransten Lebensfaden pöbelnder Jugendlicher, eliminierender Terminatoren, hasserfüllter Monster.

Die Muskeln spannen sich kurz wie das Gewissen, breitet sich die Hirnmasse aus, wie die letzten Gedanken der Menschheit, die den Erlebnisraum vagabundierender Willkür erfüllen. Eine sprühende Funkenbahn spannt einen Bogen durch das Schwarz des Tunnels auf den sich der Schrei der Schmerzen krümmt, die Brücke schlägt zum sichergedachten Außen. Ich sicker aus meinem Traum, über die frisch geputzten Stufen in die sanfte Nacht, an der ich abperle wie ein kreisender Wassertropfen auf einer heißen Herdplatte.

 

Olaf Kurtz


 

___zurück weiter___