Die Sonne von Siders
von Friedrich G. Paff

Du siehst die tote Taube
abgestürzt
den Flügel gespreizt
es öffnen sich in dir
Täler und Berge
Gletschereis überzieht deine Träume
an diesem Bergsee wächst kein Gras
Felsen wandern in dir
schwarze und weiße Steine
gestern noch sahst du
Klöster und brennende Burgen
Wälder wie Teppiche hingerollt
gingst durch die Reben
schwer hängen die Trauben
die Früchte des Sommers
zur Erde hinab
noch grünen die Hänge
färbt Herbst sie nicht um
aus engen Hütten heraus
aus versteinertem Holz
kamen Kinder und Katzen gelaufen
nachts sahst du die Sterne
klar rund um dich her
hier ist der Himmel weit und die Nacht leer
Stille wächst aus der Ferne
die Hand ist dir nah
und taucht hinab
in den Süden, den Norden
in helles Licht, in Frost und Eis
Zungen mischen sich, Zeiten und Völker
auf Balkonen und Sonnenterrassen
reifen Erinnerungen
tanken Luft sich und Licht
plötzlich hältst du inne
schließt die Augen
der Wein findet in dir
einen tiefen Grund
Dohlen singen
Brennesseln überziehen dein Gehirn
dies helle Licht
es war von Anbeginn schon da
alles Dunkel und alles Trübe
rafft es hinweg
für nur einen Moment
die Sonne von Siders
in dir erwacht

Friedrich G. Paff, geschrieben 1995
 

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