Texte und Verse
von Klaus Roth

Teil 2


AUCH HEUTE
sitzt die taube
auf der litfaßsäule
auch heute
schaut sie in den süden
auch heute
ignoriert sie meinen alltag
auch heute
grüße ich sie höflich



FEBRUAR und ein traum
von konfettiregen
ein traum von fernen
berührungen
und von nahen
als ich aufwache
liegst du
in meinem arm



DIE SONNE
nach dem
gewitter
wärmt
die gesichter
und die seelen
meine hände
berühren deine



STANDBEIN und spielbein
so stehen wir in der welt
dann und wann und ab und zu
ein veränderter blickwinkel
oder verschränkte arme
oder gar eine umarmung



AUF DER RÜCKSEITE
dieses nachmittags
ein leerer strand
und tiefe einschnitte
in den felsen
einer versinkt im blau
und wirft seinen alten namen ab



DUNKLES BROT
mehliges salz
abgekochtes wasser
als marschverpflegung
und eine handvoll aphorismen



DIE VORSEHUNG
schläft nicht
ab und zu
glänzen
in den augen
unbekannter
großartige
zukünfte



DIE FASSADEN
brechen zusammen
vögel steigen auf
wir murmeln
ein zauberwort
und
retten uns
in ein besseres morgen



IM GEGENLICHT
erkenne ich
auf der rückseite
deiner worte
das wasserzeichen
des schweigens



DIE WÄSCHE hängt
seit tagen im regen
die zirkusplakate
verbleichen
auf der suche
nach besseren welten
belauschen wir
um mitternacht
das geflüster
der geister



MEIN GROSSVATER
hinterließ mir eine kiste
voll mit schnüren nägeln
und irreführenden indizien
seine schweigende antwort
auf all meine fragen
ehrt mich sehr



EROTISCHE DETAILS
zwischen achselhöhle
nabel und großer zehe
im tiefenrausch der nacht
finden wir
den schlüssel
zu allen träumen



EINER WIDERRUFT seine biographie
und die vögel schweigen
in den abflußrohren singen
die ratten
ihren großen choral
mit lehm an den schuhen
erreichen wir orte
hinter der nacht



ZWEITER JANUAR
und der zug
hat verspätung
der rabe
auf der oberleitung
blinzelt mir zu
auch er hat
seine guten vorsätze
schon gestern
über bord geworfen



Klaus Roth


 

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